Literarische Reise durch Westfalen

2017 09 26 GruppenfotoStadtLandTextAm 26. September hat das OWL Kulturbüro auf der Studiobühne des Theaters Gütersloh eine Lesung der fünf Regionsschreiber aus Westfalen veranstaltet. Christian Caravante, Claudia Ehlert, Theresa Hahl, Matthias Jochmann und Lisa Kaufmann kamen als junge Stipendiaten an dem Abend aus den Kulturregionen Hellweg, Münsterland, OstWestfalenLippe, Sauerland und Südwestfalen zusammen und gaben einen Eindruck ihrer Kunst. Das viermonatige Stipendium, das am 01. Juli begonnen hat, führte sie bereits in viele Ecken ihrer Regionen. Ihre Erfahrungen halten die jungen Künstler in literarischer Form fest und teilen diese auf dem Blog stadt-land-text.de.

Der literarische Abend startete mit einem besonderen Auftakt: Das neu gegründete internationale Ensemble Bridge of Sound aus Detmold (Peter Schneider (Violoncello), Mitra Behpoori (Tar), Kazuyo Tsunehiro (Vibraphon)) stimmte mit der Uraufführung „Journey to Love“ der Komponistin und künstlerischen Leiterin Dr. Khadija Zeynalova stimmungsvoll auf das Motiv „Reise“ ein.

Antje Nöhren vom OWL Kulturbüro und Iris Hennig vom Literaturbüro OWL in Detmold e.V. begrüßten die rund 80 Gäste, die an diesem Abend aus allen Richtungen Westfalens nach Gütersloh gekommen waren. Antje Nöhren stellte das Projekt stadt.land.text vor, das aktuell im Rahmen des 20jährigen Jubiläums des Landesförderprogramms „Regionale Kulturpolitik“ vom Land NRW in allen 10 Kulturregionen des Landes durchgeführt wird. Von rund 300 Bewerbern wurden von einer Jury, in der auch die Uni Bielefeld und das Literaturbüro OWL vertreten waren, 10 Stipendiaten ausgewählt, die seit dem 01. Juli die 10 Kulturregionen bereisen und beschreiben. Im Rahmen des Literaturfestivals „hier!“ des Westfälischen Literaturbüros Unna konnte am 26.09. eine Lesung mit den fünf westfälischen Stipendiaten realisiert werden.

Matthias Jochmann, den das Stipendium von Frankfurt am Main in den Hellweg geführt hat, ging in seinen Texten unmittelbar auf die politische Stimmung ein, die er in Zusammenhang mit den Bundestagswahlen in seiner Region wahrgenommen hat und reflektierte die Kehrseite vom vielzitierten Heimatgefühl. Augenzwinkernd beschrieb er die Paralleluniversen verschiedener Kulturen zwischen Hindutempel und Industriegebiet Hamm-Uentrop in seinem Text „Rituale am Stadtrand“.

Lisa Kaufmann kam aus Essen nach Südwestfalen und erwandert sich die ländlichen Teile der Region – ohne Auto und mit gewissen Hürden -, wie sie in „Selbst ist der Südwestfale“ beschrieb. Sie beschäftigte sich intensiv mit dem Phänomen des weit verbreiteten Unternehmertums, das aus ihrer Perspektive ein besonderes Charakteristikum ihrer Region sei.

Die Hamburgerin Theresa Hahl, ist seit 2009 aktiver Teil der deutschsprachigen Spoken-Word Szene. Im Rahmen des stadt.land.text-Stipendiums erkundet sie die Region OstWestfalenLippe und hält ihre Eindrücke in lyrischen sowie malerischen Miniaturen fest. Dabei treffen Naturbeobachtungen auf Erkundungen der Digitalisierungswelt („Schaufenster in ein neues Morgen“) und werden in klangvolle und virtuose Gedichte gefasst, die am Ende ein zusammenhängendes Mosaik ergeben werden.

Claudia Ehlert entdeckt ihre Region Münsterland im Rahmen des Stipendiums noch einmal ganz neu. Sie unternimmt einen Road-Trip und erkundet die Region von ihrem Bulli aus ganz neu. In Ausschnitten aus Ihrem „Logbuch“ beschrieb sie sehr anschaulich, warum es nicht nur ein Lebensgefühl sei, in Münster Fahrrad zu fahren, sondern eine Notwendigkeit.

Christian Caravante ist von Dortmund aus ins Sauerland gekommen, das er bisher nur als Urlaubsregion erlebt habe. Den unaufgeregten und nahezu unerschütterlichen Gemeinschaftssinn und Nachbarschaftsgeist in der Region beschreibt er unter anderem in seinem Text „Von Menschen und Hasen“.

In einem Interview, das die Leiterin des Literaturbüros OWL in Detmold, Iris Hennig, mit den fünf Stipendiatinnen und Stipendiaten führte, kristallisierte sich noch einmal der besondere Wert des Stipendiums heraus. Im Fokus steht nicht, künstlich abgegrenzte Regionen zu vermarkten, sondern künstlerischen Individuen einen Zeitraum freien Schaffens zu öffnen, in dem sie ihren subjektiven Blick auf Land und Leute auf individuelle Weise literarisch festhalten können. Diese Perspektiven sind mal humorvoll, mal nachdenklich, mal kritisch - insgesamt aber von einer großen Sympathie für die Regionen geprägt, in der die jungen Autorinnen und Autoren aktuell unterwegs sind. Auf diese Weise wird eine wechselseitige Bereicherung möglich, die einzigartig ist. Oder, wie es die OWL-Stipendiatin Theresa Hahl schreibt:

"Das Schaufenster ist direkt vor der Tür.
Lass dir den Anblick auf den Pupillen zergehen.
Vielleicht prickelt etwas auf deinen Augäpfeln.
Vielleicht verbindet sich ja gerade ein Gehirn
mit der Welt und lässt dich umdenken.
Vielleicht versteht irgendetwas in dir gerade,
dass diese Welt nur weiterbesteht,
wenn es keine Unterschiede
sondern mehr Aufmerksamkeit gibt.

Wir sprengen heute einfach den Rahmen
und lassen uns ein neues Fenster bauen,
in das Windräder passen,
wie Winkekatzen in Schaufenstern,
das sich verdingt,
nachhaltige Möglichkeiten zu schaffen,
zu erschaffen, um kurzsichtige Umsetzung
hinter uns zu lassen,
die Veränderung Wahrhaftigkeit zu machen.

Ich mag diesen Ausblick sehr."

(aus: "Schaufenster in ein neues Morgen", 01.08.2017, stadt-land-text.de)

Das Projekt stadt.land.text wird gefördert vom Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes NRW. Die Lesung konnte mit freundlicher Unterstützung des Westfälischen Literaturbüros Unna und der KulturRäume Gütersloh umgesetzt werden.

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